Sara Stridsberg, Traumfabrik.
Die schwedische Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin Sara Stridsberg hat der radikalen Feministin Valerie Solanas ein Comeback verschafft. Bekannt wurde diese durch ihr Manifest SCUM (Society for cutting up men / SCUM = Abschaum), in dem mit von Tod, Gewalt und Sex besessenen Männern abgerechnet wird. Ein Kultbuch für jede Frauenbewegte und jetzt eine Bibel für alle Frauen, geht man vom aktuellen Erfolg in Schweden aus. “Kein Text hat mich so verändert”, sagt Stridsberg, die das Manifest 2003 ins Schwedische übersetzte und das just wieder in deutsch erschien. In Traumfabrik beschreibt Stridsberg engagiert und einfühlsam das schwierige Leben der Valerie Solarnas. “Amerikas erste intellektuelle Hure” war eine hochpolitische und maßlose Schriftstellerin mit ausgeprägtem Hang zur Komik. Schließlich setzte sie Warhols Aussage um, daß zukünftig jeder für 15 Minuten berühmt würde. Sie schoß auf ihn. Stridsberg spiegelt in einer brillianten Sprache diese schillernde Figur, spricht als Erzählerin mit ihr, erfindet Szenen dazu und nimmt verschiedene wiederkehrende Perspektiven ein. Nebenbei gibt sie einen äußerst informativen Einblick in die patriarchale Arbeiter-, Wissenschafts- und Kunstszene der 40er bis 80er Jahre in USA. Für diese ganz besondere Biografie und ihre beeindruckende Lust an der Sprache hat Stridsberg 2007 den Nordischen Literaturpreis erhalten.
Traumfabrik. Fischer Verlag, 336 Seiten € 21,95 / Valerie Solanas: Scum. Philo Fine Arts, Hamburg 2010, 110 Seiten, 10 Euro
Interview mit Sara Stridsberg von Laura Méritt
Was ist das Reizvolle an einer Figur wie Valerie Solanas – die Radikalität?
Für mich ist sie ein Paradox wie eine Blume im Schnee. Sie ist die intellektuelle Hure. Sie ist die Männerhasserin, die Männern Sex verkauft. Sie ist die Pazifistin, die auf Andy Warhol schießt. Sie ist die Feministin, die der Frauenbewegung nicht angehört. Mich faszinierte ihre Art, die Welt zu dekonstruieren und ihre Komik. Politische Satire ist ja nicht gerade modern.
Frauen sollten das Universum beherrschen anstatt Türvorleger oder Daddy´s Girls zu sein!
Ihr Mut beeindruckte mich, sie ließ mich glauben, dass nur der Himmel eine Begrenzung ist, auch wenn ihr eigenes Leben dann sehr begrenzt war. Sie hat mich dazu gebracht, Struktur und Form einer Novelle auszuweiten und zu zerstören. Ich wollte mit diesem Buch, auch wenn es naiv klingen mag, ihr beim Sterben die Hand halten. Ich wollte sie länger leben lassen und ihr alles geben, wovon sie geträumt hat: eine Freundin und eine Mutter, die an sie und ihr wissenschaftliches Projekt glauben. Literatur ist für mich ein weites Land, das alles und alle beherbergen kann. Ein Asyl, ein Hospital für alle Außenseiterinnen der Welt.
Wie erklärst du dir den Erfolg des Buches in Schweden, einem Land, in dem die Frauenbewegung scheinbar nicht mehr nötig ist?
Das Buch gibt keine Antworten, vielleicht ist das der Grund für den Erfolg. Es ist ein Schrei in der Nacht. Aber der Erfolg überraschte mich. Ich frage mich immer noch, ob es okay ist, mit dem Namen einer äußerst verletzten Person Geld zu machen. Ich dachte aber, ich hätte etwas total Verrücktes geschrieben, was niemand lesen will.
Du hast zur Zeit eine Gastprofessur an der FU Berlin, wie gefällt dir Berlin?
Ich habe mich in die Stadt verliebt! Ich genieße es, die Sprache nicht zu verstehen, das gibt mir eine Freiheit des Denkens. Und Feministinnen sind überall, manchmal sogar als Daddy´s Girls verkleidet.
links: Sara Stridsberg (c)
rechts: Valerie Solanas im Film “I shot Andy Warhol”








Barbara Carrellas ist Autorin, Sex/life coach, Dozentin und Theater-Artistin. Sie hat “Luxurious Loving: Tantric Inspirations for Passion and Pleasure” und “Urban Tantra. Sacred Sex for the 21th Century” geschrieben. Letzteres erschien 2009 auf deutsch beim Orlanda Verlag, von mir übersetzt. Ihre Urban Tantra®-Workshops in New York City wurden von TimeOut/New York Magazine als herausragend beschrieben. Am Freitag war sie in meinem Salon und am Wochenende auf der Xplore in Berlin, einem jährlichen experimentellen Treffen mit vielen Sexlehrenden.