Louise Bourgeois und Hans Bellmer „Double Sexus“ oder „Double sexist“?
Bis zum 15.8. war in der Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin Charlottenburg eine kleine, teure Ausstellung zu sehen, die mit hoch professionell scharfen Plakaten beworben wird. Die Objekte auf den Plakaten waren so perfekt beleuchtet aufgenommen, dass die reellen Kunstwerke fast nicht mehr hinterher kommen und die Bedeutung von qualitativ hochwertiger Werbung in den heutigen Zeiten umso deutlicher wird. Ein Motiv war am häüfigsten in der Stadt zu sehen, eine rotbraune Stoffpuppe von Louise Bourgeois, die mindestens zwei Geschlechter sichtbar macht: der Unterleib ist bauchig rund, das Oberteil ist kopfig clitoral phallisch. Der Titel „Double Sexus“ legt die Interpretation als Doppelt- oder Zweigeschlechtlichkeit nahe, die in jeder Person angelegt ist. Bei Bourgeois wird zudem klar, dass die Vielfalt aus der weiblichen Form heraus entsteht.
In dieser Ausstellung ging es in erster Linie um Hans Bellmer und Louise Bourgeois, genau in dieser Reihenfolge, die Rangordnung von männlichem und weiblichen Künstlern aufzeigend. Und auch wenn es einige Objekte der beiden gibt, die Brust-, Vulven- und Lippenlandschaft darstellen, schiein die ganze Zusammenstellung erzwungen ärgerlich. Hans Bellmer ist vorder- und hintergründig obsessiv erotisch, voyeuristisch und pornografisch an weiblichen Körperteilen interessiert. Nicht ohne Grund ist er in Teilen der Frauenbewegung sehr umstritten. Es gab heftige Diskussionen über seine Fotografien von kopflosen und aus mehreren Beinen und Mösen bestehenden Frauen, die am Baum oder auf der Treppe gefesselt liegend abgebildet waren. Diese Bilder befinden sich auch in dieser Ausstellung als Miniaturfotos (!) und bekleiden eine ganze Wand. Von gesellschaftlichen Debatten, der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte erfuhr man nichts.
Objekte wurden gegenüber gestellt, die unterschiedlicher nicht sein können und eigentlich nichts gemein haben. Weder die Texttafeln noch die Audio-Beschreibungen gingen auf die Differenzen ein. Louise Bourgeois Werke sind sehr komplex, sind trans- in jeder Beziehung. Sie sind grenzüberschreitend, immer mehrere Dimensionen aufzeigend. Der Titel „Intersexus“ würde ihrem ebenso vielfältigen Werk bei weitem gerechter als die Begrenzung auf zwei Geschlechter. Die Künstlerin hat ihre Objekte immer wieder in neuen, anderen Materialien (Stoffe, Steine, Latex) gestaltet oder auch überdeckt. Den Riesenschwanz, den sie auf dem berühmten Foto von Mapplethorpe lachend unterm Arm hält, gibt es in verschiedenen Versionen, Ausführungen, Beschaffenheiten und zu verschiedenen Zeiten verbirgt er eine möseale Öffnung auf der Unterseite. In dieser Ausstellung werden ihre Objekte meist psychologisierend interpretiert. So hat sie sich „mit dem Schwanz an ihrem Vater und den Männern abgearbeitet.“ Zu Bellmers Verarbeitungsmechanismen oder Fetische werden keine Erläuterungen gegeben, außer dass er in seine kleine Nichte verliebt war und sich auf dem Flohmarkt eine Modepuppe gekauft habe. Das Besondere an der Puppe waren die Kugelgelenke. An was arbeitet sich der Hans ab?
Louise Bourgeois hat ihre Biografie streng von ihren Werken getrennt, ihr Leben sei nur „eine Reihe von Tatsachen“. Objekte aber vollkommen unabhängig von Hintergrund, gesellschaftlichem Zusammenhang und Gesamtwerk der Kunstschaffenden zu sehen, macht nur begrenzt Sinn (vgl. die Bilder von Otto Mühl). Spannend wird es, wenn Informationen zur Horizonterweiterung und zur Infragestellung von Wertungen führen können. Gerade bei Sexismen wie in dieser Ausstellung wäre das absolut notwendig, hier ist das Maß der Dinge Bellmer, an dem die Objekte von Bourgeois angelegt werden.
Die Grande Dame der Kunst starb mit 98 Jahren am 31.Mai an Herzinfarkt, und selbst postmortal sind ihre Werke um ein zweiundzwanzigfaches! weniger wert als die von Männern wie der weltweit gehypteste Jasper Johns ( zum Vergleich: 64Mill. € s. Mai- Ausgabe der Kunstzeitschrift Monopol. ) Wie viele andere Künstlerinnen ist sie erst spät berühmt geworden und musste sich auch als Frau auf dem Kunstmarkt behaupten. Angesichts dieser Ausstellung wäre sie vermutlich in Rage geraten, so wie sie es oftmals in ihren Salons bei einfältigen Bemerkungen von Anwesenden tat. Sie verwies sie des Raumes. Ihr Geist hat mich wohl ergriffen, ich echauffierte mich zum Unbehagen meiner Partnerin lauthals und verließ die Ausstellung!
P.s. Außer der nüchternen Setzung des Todesdatums in der Biografie am Eingang der Ausstellung wäre eine Anerkennung oder Aufmerksamkeit das Mindeste gewesen.
P.P.s. Mein Lieblingsdetail aus Louises Biografie: Sie hat sich bis ins hohe Alter von zu weich gekochten Nudeln und Cola ernährt. Vermutlich ist sie am Grünfutter gestorben, das ihr der junge Mann nahelegte, der sich in den letzten Jahren um eine gesündere Ernährung von Madame kümmerte.
Barbara Carrellas ist Autorin, Sex/life coach, Dozentin und Theater-Artistin. Sie hat “Luxurious Loving: Tantric Inspirations for Passion and Pleasure” und “Urban Tantra. Sacred Sex for the 21th Century” geschrieben. Letzteres erschien 2009 auf deutsch beim Orlanda Verlag, von mir übersetzt. Ihre Urban Tantra®-Workshops in New York City wurden von TimeOut/New York Magazine als herausragend beschrieben. Am Freitag war sie in meinem Salon und am Wochenende auf der Xplore in Berlin, einem jährlichen experimentellen Treffen mit vielen Sexlehrenden.